Holzbau stiftet Identität und begegnet vielfältigen Ansprüchen

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Im Vorfeld der 10. Holz- u. Waldtage lud das Holzkompetenzzentrum Rheinland (HKZR) Architekten, Planer und Bauentscheider zu einem holzbaulichen Prolog. Knapp 110 Fachleute erlebten an zwei Tagen hochkarätige, darunter Holzbau- und Architekturpreis prämierte, international renommierte Referenten. Zunächst wurden gesamtgesellschaftliche Herausforderungen benannt. Entsprechende holzbauliche Lösungspotentiale sowie Beispiele für gewerbliche, urbane und kommunale Bauten wurden ebenso dargestellt und diskutiert, wie Ensembles im ländlichen Raum. Die Möglichkeiten für den modernen Holzbau entlang der Bandbreite der technischen Entwicklungen seien weiterhin groß. Etwaig übertragbare Erfolgsfaktoren im Holzbau müssten ganzheitlicher analysiert und berücksichtigt werden. So ließe sich der aktuell zunehmenden Nachfrage auch aus bisher nicht unbedingt holzaffinen Gruppen potentieller Bauentscheider adäquat nachkommen.

In seiner Begrüßung strich Horst-Karl Dengel von Wald u. Holz NRW den politischen Willen NRWs heraus, den Holzbau weiter zu befördern. Wilfried Pracht, Bürgermeister der HolzProKlima prämierten Gemeinde Nettersheim betonte den kommunalen Holzbau als wichtigen Multiplikator; wie z.B. die Bahnbrücke aus Lärchenholz in moderner Fachwerkbauweise, sie schaffe ein gutes Beispiel mit holzbaulicher Strahlkraft.

Im fachlichen Teil berichtete Dipl.-Ing. Michael Keller, Züblin Holzingenieurbau, Aichach anhand des Großprojektes des Verwaltungsgebäudes der Stadtwerke Lübeck von den Erfahrungen als Totalunternehmer im Holzbau. Nur durch enge Zusammenarbeit mit dem Auftraggeber und einem, gemessen an den Anforderungen bei Großprojekten fachlich entsprechend breit aufgestellten und eng verzahntem Team unter einem Konzerndach, ließ sich ein garantierter Maximalpreis von 17,5 Mio. € realisieren. Keller: „Auf dem Weg zum Standard im Holzbau stehen weiterhin prominente Großprojekte im Fokus und sind in Ihrer Komplexität am besten von größeren Konzernen aus einer Hand zu bewältigen.“ Die Einsparpotentiale lagen bei dem Passivgebäude mit einer BGF von 13.856 m2  und einer verbauten Holzmenge von 2.438 m3 dabei bemerkenswerterweise nicht im Bereich des Holzbaus, sondern z.B. im Brandschutz- und Lüftungskonzept und bei der Gründung. Die relativ simple Konstruktion in Holz mit BSH-Stützen und Unterzügen sowie Brettsperrholzdecken und Außenwänden in Holzrahmenbauweise auszuführen, sei expliziter Wunsch des Bauherrn gewesen. So komme der Energieversorger dem selbst gesteckten Ziel des Ressourcen schonenden, wirtschaftlichen Handelns für die Bürger sichtbar und beispielgebend nach.

Dietmar Riecks, im (Gewerbe-)Holzbau prämierter Architekt von Banz + Riecks, Bochum unterstützte das Argument der Energieeffizienz. Ab 2020 würde gemäß ENEV das Niedrigst-Energiegebäude ohnehin verpflichtend. Für langfristig planende Firmen gälte laut Riecks: “Man wird mit dem industriell vorfertigbaren Elementbaustoff Holz und seinen seinem technischen Leistungspotential, insbesondere im Wärmeschutz, im Gewerbebau gut beraten sein“. Auf dem Weg zum Null-Emissions-Gebäude sei Energiebezug und -gewinnung in absehbaren Zeiträumen auszugleichen. Hierzu seien spezifische Eigenschaften der verwendeten Materialien - auch über Holz hinaus - sinnfällig zu kombinieren und auf Low- statt auf High-Tech zu setzen. Die Exposition ebenso, wie Kompaktheit und Reduzierungspotentiale des umhüllten Volumens böten Effizienzansätze. Die Nutzung thermischer Lasten in Verbindung mit der Speicherfähigkeit des Gebäudes und eine Konzeption zur nächtlichen Entwärmung realisieren weitere Potentiale ohne großen technischen, respektive energetischen Aufwand.
Die Rolle des Architekten im Team der Tragwerks-, Energie- und Haustechnikplaner sowie Brandschutzingenieure und Bauphysiker sei moderativ. Innovation fände nicht primär formal, sondern von der Architektur bis zum Detail an der Schnittstelle zwischen den beteiligten Ingenieurwissenschaften statt. Die Leistungsfähigkeit eines Gebäudes bemesse sich nicht nur mit Kennwerten, sondern gleichermaßen auch in Form eines Firmenimages bzw. in der Attraktivität des Arbeitsplatzes nicht nur für Nachwuchskräfte.

Dr. Robert Kaltenbrunner, Architekt und Abteilungsleiter im Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung, Bonn ordnete den Holzbau als Lösungsansatz in fünf wichtigen gesellschaftlichen Herausforderungen ein. Es sei dies der demographische Wandel mit Wachstum und Wohnungsmangel im urbanen, sowie Schrumpfungseffekten und Leerstand im ländlichen Raum - bei gleichzeitiger Alterung der Gesellschaft. Der Klimawandel und die Energiewende würden als langfristige Themen um die starke Migration erweitert. Der Holzbau liefere hier Antworten, die mit Beispielen in verschiedenen Forderungen an moderne Architektur formuliert wurden. Ihre Umsetzung betone Alleinstellungmerkmale des Holzbaus. So sei der öffentlichen Raum zu stärken und zu revitalisieren. Individuen an Plätzen zusammenzuführen, fördere funktionierende Gesellschaftsstrukturen. Beispiele seien allseits zugängliche multifunktionale, neutrale und revidierbare Bauwerke. In strukturell volatilen Communities sei so die Erfüllung wechselnder Anforderungen möglich - rein orientiert an realen Erfordernissen. Gesellschaftlich-(bau-)kulturelle Akzeptanz erwachse aus der Übernahme, der modernen Umsetzung, bzw. dem Zitat tradierter, sprich: bekannter Gebäudeformen - oftmals in Holzbauweise oder im sensiblen Mix. Eine gewisse Kleinteiligkeit mit eher durchdachter, statt technisierter Architektur sichere Individualität und komme der Entwicklung hin zu Bauherrengruppen-/Gemeinschaftsmodellen nach. Dr. Kaltenbrunner: “Neben 'harten' Parametern, kommt das nachhaltige Bauen in Holz mit sinnlicher Präsenz und hohem Gestaltungsanspruch einer ästhetischen Verantwortung nach“

Much Untertrifaller, Architekt im Büro Dietrich Untertrifaller, Bregenz skizzierte anhand herausragender Beispiele das europaweit bekannte „Phänomen Voralberg“ mit seiner regional konzentrierten, modernen Holzbauarchitektur im ländlichen Raum. Die dortige Umsetzung der Bandbreite der holzbaulichen Möglichkeiten ließe sich jedoch kaum auf wenige, zudem direkt übertragbare Erfolgsfaktoren zurückführen. Untertrifaller: “Ein Schlüssel für das 'Phänomen Voralberg' liegt in der sich bedingenden regionalen Handwerkskompetenz und einer grundlegenden holzbauaffinen Mentalität“ So seien Voralberger Holzbaubetriebe nicht nur regional, sondern auch z.B. bei Projekten in Berlin gefragt. Fachkompetenz wird exportiert und stetig erweitert. Konsequent würde klarer politischer Wille im Sinne der Wertschöpfungskette umgesetzt: so erhielten große Holzbauprojekte in einzelnen Kommunen Österreichs nur eine Baugenehmigung, wenn sie zumindest in Hybridbauweise ausgeführt würden. Best-Practice für den Holzbau multipliziere sich weiter. So seien exponierte kommunale Holzgebäude, z.B. Feuerwachen, mittlerweile Statussymbol und positiver Ansporn für Nachbargemeinden im Wettbewerb „gleichzuziehen“; dies fördere auch Entscheidungen beim Endverbraucher. Bauwerke setzen sensibel auf regionale Wurzeln, z.B. in der aktualisierten Umsetzung von Fassaden(-Oberflächen) mit heimischen Holzarten (z.B. Tanne), nehmen Topographie auf oder bildeten einen gleichsam merklichen, wie sensiblen Kontrast zur Umgebung.Tradition und Innovation würde verknüpft. Gleichwohl in der Formsprache oft zurückhaltend, würden die Bauwerke im Inneren über den Effekt der Holzstrukturen wirken oder würden durch tatsächliche Holz-skulpturen zu einem Identifikationsobjekt der Nutzer und Bewohner, wie der Region.

Vera Hartmann, Architektin im Berliner Büro Sauerbruch Hutton und zuständige Projektleiterin für die Architektur- und Holzbaupreis prämierte Immanuel-Kirche bestätigte diesen positiven Identifikationseffekt für die Gemeinde in Köln-Stammheim. Mit einem ebenso schlicht, wie konsequent umgesetztem Holzbauwerk sei es gelungen, eine atmosphärisch wirksame, kontemplativ funktionierende und zugleich moderne Interpretation der klassischen Basilika zu erstellen. Gerade in einem als sozialen Brennpunkt geltenden Stadtteil mit sehr profaner Bestandsbebauung sei der Holzbau mit einem Nadelholz-Tragwerk aus Furnierschichtholz bereits jetzt Identität stiftend. Hartmann: „Nur ein schlüssiges, korrespondierendes  Konzept für Tragwerk, Innenausbau und Gestaltung setzt die besondere Wertigkeit und Atmosphäre als Alleinstellungsmerkmale des Holzbaus um.“ So ist die Lichtsteuerung im Mittelschiff als großes Fenster von der Empore mit Blick in den Baumbestand und als Oberlicht über dem Altar ausgeführt. Die Helligkeit würde dort von einem raumhohen Screen mit unterschiedlich gefärbten Lamellen aufgenommen, die gleichzeitig die Orgel verdeckten. Vorgefertigte Holztafelelemente mit gewachsten sichtbaren Oberflächen betonten die ehrliche Materialität. Die vorvergraute Außenfassade aus Lärchenholz stellt mit ihrem Fischgrätenmuster einen Bezug zur christlichen Nutzung her. Modelle für nahezu jedes Detail wären im Vorhinein angefertigt worden. Wäre es sicherlich letztlich dem Impetus der handelnden Personen zu verdanken, dass es zur Projekt-Umsetzung kam, so sei doch zudem der signifikant geringere finanzielle Aufwand ein gewichtiges Argument gegenüber dem ursprünglich in Sichtbeton entworfenen Bau gewesen. 

Tom Kaden, Büro Kaden + Lager, Berlin, einer der Pioniere des urbanen Bauens in Holz, beantwortete die Frage nach aktuellen Wohnansprüchen und -anforderungen mit aktuellen Architektur-Beispielen. Nicht etwa billig wolle man wohnen, sondern individuell und oftmals bewusster. So seien primäre Zielgruppen des modernen Bauens ( in Holz) längst nicht mehr nur die sogenannten „A-Gruppen“ der Anwälte, Ärzte, Akademiker oder das „LOHAS-Milieu“, des Lifestyles of Health and Sustainability. Vielmehr seien es urban geprägte Bauherren, die nicht unbedingt aus der Stadt stammen. Breit informiert tragen sie ganz konkrete Vorstellungen zu Grundriss, Wohngesundheit und Energieeffizienz an die Architekten heran, die der Holzbau sehr gut abdecken kann. Eine Affinität zum Holzbau verbreitet sich zunehmend im Querschnitt der Bevölkerung. Schwierige städtebauliche Situationen ließen sich mit Holz meistern. Zugleich ließen sich so Muster des sozialen Zusammenlebens bewahren oder erweitern; fernab von allgegenwärtiger Gentrifizierung. Der Holzbau ist prädestiniert für die soziale Nachverdichtung, die (Infra-)Strukturen zur Daseinsvorsorge und Nachbarschaft mit plant. Flexible Grundrisse, Charakter bildend für den Holzbau, entsprächen zwar dem positiven Trend zu Bauherrengemeinschaften bei größeren Projekten, stoßen jedoch mittlerweile an Grenzen. Im Umfeld immer größerer und zunehmend diversifizierter Baugruppenmodellen mit bis zu 48 komplett unterschiedlichen Vorstellungen seien diese im Planungsbüro und für die Bauherren kaum mehr wirtschaftlich darstellbar. Kaden: “Dennoch ist der Holzbau auf gutem Weg, gesamtgesellschaftlich gleichwertige bzw. sogar herausgehobene Option im Bauen zu werden“.

Aus Sicht des Holzkompetenzzentrums Rheinland (HKZR) sei es richtig, den Holzbau in den Fokus von Clusterinitiativen und bündelnden Institutionen entlang der Wertschöpfungskette Wald und Holz zu nehmen. So würden auf dem Weg zu mehr Holzbau im Kielwasser nahezu sämtliche sozioökonomischen und ökologischen Interessen der vorgelagerten Akteure quasi automatisch bedient werden. Es gälte im Rahmen hochwertiger Veranstaltungen all diese Wirkzusammenhänge aufzuzeigen. Hierzu beizutragen sei Ansatz des HKZR. Axel Krähenbrink, Leiter des Holzkompetenzzentrums Rheinland und Moderator der Tagung: „Mit dem Holzbau gibt es Lösungen für drängende Herausforderungen der Zukunft. Diese Schlüsselrolle unserer Branche breit zu kommunizieren und auszufüllen, sollte Ansporn unseres Handelns sein.“

© Axel Krähenbrink / Holzkompetenzzentrum Rheinland
 

Pressetext Stadt.Land.Holz..bau [PDF, 58kb, 12.11.2015]Flyer Stadt. Land. Holz...bau [PDF, 1171kb, 11.11.2015]

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