Brückenschlag aus Lärchenholz

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Mit ihrem hölzernen Bahnübergang hat Nettersheim ein weiteres Statement zum bewusst verstärkten Einsatz von Holz bei kommunalen Bauten gesetzt. bereits 2014 war die Eifelgemeinde mit dem ersten Preis beim Kommunlawettbewerb HolzProKlima ausgezeichnet worden. Die kürzlich errichtete Fachwerkbrücke aus Lärchenholz unterstreicht die Bereitschaft der Kommune auf und mit Holz zu bauen.

Der Bahnhof der Eifelgemeinde Nettersheim wird täglich sowohl durch Pendler aus den umliegenden Ortschaften als auch durch wachsenden Eifel-Tourismus frequentiert. Im Rahmen seiner Verlegung wurden seitens der Gemeinde bereits vor Jahren Überlegungen zur Steigerung des Komforts des angedachten Bahnhofensembles angestellt.
Mit einer exponierten Fußgängerquerung sollten nicht nur die beiden Bahnsteige direkt verbunden, sondern zudem ein positives Identifikationsobjekt für die Gemeinde und die Bürger geschaffen werden. Nicht zuletzt dient ein exponiertes Holz-Bauwerk dem branchenseitig angestrebten Bewusstseinswandel zu Gunsten des Holzbaus - bei politischen und fachlichen Multiplikatoren in der Region und darüber hinaus.

Bekanntes Prinzip in moderne Konstruktionssprache übertragen

Die Herausforderung bei der Entwurfsplanung des röhrenförmigen Brückenkörpers mit einer Länge von 29,6 Metern bestand in der Verknüpfung statischer Anforderungen u.a. bezüglich der Torsionssteifigkeit mit dem ästhetischen Anspruch der optischen Leichtigkeit, gepaart mit explizit erwünschter Transparenz in der Konstruktion. Die Querschnitte des verwendeten Materials sollten im Sinne einer Minimierung des Materialbedarfs so gering wie möglich gehalten werden – eine ungewöhnliche und umfassend erkennbare Formsprache soll die Blicke der Betrachter binden und zum Nachdenken anregen. Diesem kontemplativen Aspekt kommt eine Auskragung des Bodens am westlichen Ende der Brücke nach. Eine Sitzbank lädt dort zum Verweilen und zum Genuss der Aussicht unter anderem auf das Holzkompetenzzentrum Rheinland (HKZR), ebenfalls ein Holzgebäude, ein.

Eine energiegewinnende Dachfläche sollte dem konstruktiven Holzschutz dienen und gleichzeitig den Beweis einer sinnfälligen Kombination von Materialität, Ressourceneffizienz und zukunftsorientierter Technik als Teil eines ganzheitlichen Konzeptes erbringen. Leider war die in diesem Zusammenhang zunächst geplante semitransparente Photovoltaik mit Glas-Glas-Modulen an dieser Stelle nicht wirtschaftlich zu betreiben. Die nun umgesetzte transparente Dachkonstruktion mit seitlichen Überstand sichert jedoch den Holzschutz insbesondere im Bereich der oberen Anschlüsse der Diagonalen an die Längsträger. Das Tragwerk des Bauwerks mit seiner in erster Linie optisch gewünschten Asymmetrie, bleibt als ausdrücklich hervorzuhebendes Alleinstellungsmerkmal weiterhin sichtbar.

Das in der Eifel allseits bekannte, weil allgegenwärtige Fachwerk als klassisches Konstruktionsprinzip zu zitieren und in eine moderne Konstruktionssprache zu transferieren, „schlägt nun die Brücke“ vom traditionell Gewohnten, zum aktuell im modernen Holzbau Möglichen. So wird die Akzeptanz des Entwurfs erhöht und gleichsam  die Erwartungshaltung bezüglich eines modernen holzbaulichen Ansatzes bedient. Bei der Materialauswahl wurde auf Lärchenholz als in Mitteleuropa heimische Holzart mit einer hohen natürlichen Dauerhaftigkeit  gesetzt.

Holz wo möglich, Stahl nur wo unbedingt nötig

Der gesamten hölzernen Konstruktion liegt das Holzbauraster 62,5 cm zu Grunde. Gleichwohl verlaufen die Diagonalstreben der am Boden, der Decke und den beiden Seiten umlaufenden, prinzipiell gleichen Konstruktion, dennoch individuell unregelmäßig in Länge und Neigung. Die Streben der vier Fachwerkträger verbinden durchgehende biegesteife Längsträger über gelenkig ausgeführte nicht sichtbare Schlitzbleche als Anschlüsse. Der konstruktive Feuchteschutz wurde verbessert, indem die Decke und die Seiten des asymmetrischen Brückentragwerks in zwei Ebenen angeordnet wurden. Auf diese Weise wurde die Anzahl der Schnittpunkte an den Diagonalen reduziert. Darüber hinaus ließen sich so Torsionen an den Längsträgern vermindern.

Dort wo Schnittpunkte in den Streben unvermeidbar waren, wurden die mittleren Knotenpunkte mit transparentem Epoxidharz abgedichtet. Die unteren Anschlüsse ebenso wie der Längsträger selber werden durch eine Blechabdeckung geschützt, die an die aufgehenden Schlitzbleche angeschlossen sind.
Zur weiteren statischen Aussteifung des Brückenkörpers in Querrichtung wurden vier biegesteife Stahlrahmen in die Holzkonstruktion integriert. Obergurt und Vertikalstäbe der Rahmen sind vom Brückeninneren aus sichtbar. Die Stahlrahmen werden kraftschlüssig mit jeweils zwei der insgesamt acht Stahlstützen unterschiedlicher Neigung verbunden, auf denen der komplette  Brückenkörper aus Holz letztlich lagert. Die Stahlstützen ähneln in der Anordnung dem Gefüge der vertikalen Holzbalken im Fachwerk und nehmen zur beidseitigen Erschließung die ebenfalls in Stahl ausgeführten Treppenkonstruktionen mit Belägen aus Lärchenholz auf. Der Bodenbelag aus Lärchenbohlen setzt sich als Lauffläche  im unteren Abschlusselement des Brückenkörpers fort. Als Auflager dienen hier in der Mittelachse des Fachwerkträgers wiederum gelenkig eingesetzte Zwischenträger. Diese Zwischenträger sind mittels Abschlussblechen konstruktiv gegen durch die Zwischenräume der Bodenbohlen eindringende Feuchtigkeit geschützt.

Ein Stück Brücke für eine nächtliche Montageaktion

Die komplette Vorfertigung der Konstruktion im Werk der Firma Schaffitzel, die neben der Statik und der Werkplanung ebenso mit der Ausführung betraut war, ermöglichte das Aufsetzen des Brückenträgers in einer Aufbaumaßnahme. Vorangegangen war eine nächtlicher Transport mittels eines insgesamt 51m langen Spezialfahrzeugs für das auf dem langen Weg bis zur Baustelle zumindest temporär verschiedene Verkehrshindernisse zu entfernen waren. Das Einheben des Brückenkorpus in einem Stück in die dafür vorgesehenen Aufnahmen der Stahlstützen fand dann innerhalb von fünf Stunden während einer mit der Deutschen Bahn abgestimmten Fahrplanpause statt.   
Die Begeisterung für das neue Bauwerk, die sich schon bei der stark frequentierten nächtlichen Aufbauaktion abzeichnete, hält im Kreise der Nutzer und Betrachter bis heute an. Ein solch ungewöhnlicher baulicher Höhepunkt bedeutet für eine ländliche Gemeinde nicht nur einen erheblichen Imagegewinn, sondern demonstriert als weithin wahrgenommener Leuchtturm über die Region hinaus die technischen und ästhetischen Möglichkeiten heutiger Ingenieurkunst.

Axel Krähenbrink, Leiter Holzkompetenzzentrum Rheinland; erscheinen in "Bauen mit Holz" - Fachzeitschrift für Konstrukteure und Entscheider: 4.2015

HKZR-Fachartikel Bahnhofsbrücke Nettersheim "Bauen mit Holz" 04/2015

Hintergrund:

Holzbaukultur als Gemeinde-Maxime

Vor dem Hintergrund einer regional reichhaltigen naturräumlichen Ausstattung mit dem Primärprodukt Holz und einer leistungsfähigen forstwirtschaftlichen Struktur  bemüht sich die Eifelgemeinde seit Jahren um den vermehrten Einsatz des Zukunftsbaustoffs Holz bei kommunalen Bauaufgaben. Dies zeigt sich unter anderem an der Verortung des gemeindlichen Kooperationspartners  Holzkompetenzzentrum Rheinland (HKZR) als Schwerpunktaufgabe von Wald und Holz NRW in Nettersheim. Das HKZR bietet Serviceangebote zur modernen Holzverwendung aus nachhaltiger Forstwirtschaft an. Hierzu werden entsprechende Informationen entlang der Wertschöpfungskette Wald und Holz  auf dem Weg zum Holzbau gebündelt und kommuniziert.

Zunächst sind es wirtschaftliche Potentiale für ansässige Unternehmen der Wertschöpfungskette, die mittels modernen Holzbaubeispielen aufgezeigt und schließlich ausgeschöpft werden sollen.  Hinzu kommen klimapolitische Aspekte: Energieeffizienz in der Herstellung von Holzwerkstoffen und Potentiale zur Kohlenstoffspeicherung im Holz sind weitere gleichwertige Motive für zumindest eine kritische Überprüfung auf Umsetzbarkeit in Holzbauweise bei jedweder Neubau- und Sanierungsmaßnahme im Gemeindebereich. Dieser grundlegende Denk- und Handlungsansatz hat der Gemeinde dann auch vergangenes Jahr den ersten Preis im Kommunalwettbewerb „HolzProKlima NRW“ beschert. Im Rahmen dieses Wettbewerbs wurde die Kommune mit dem schlüssigsten Gesamtkonzept hinsichtlich der möglichst weitgehenden Unterstützung und modernen Verwendung des Zukunftsrohstoffs Holz prämiert.   
Angesichts dieser Gemeindestrategie lag die Realisierung des Brückenbauwerkes als hölzernes Tragwerk nahe und war dementsprechend Grundlage der Beauftragung an das Büro Wollenweberarchitektur, Düsseldorf.

© Axel Krähenbrink / Holzkompetenzzentrum Rheinland

HKZR-Fachartikel Bahnhofsbrücke Nettersheim "Bauen mit Holz" 04/2015

http://www.bauenmitholz.de/


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